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Enno P. Gramberg
Punzen und Penunzen
Lesung
Artcore Gallery
Berlin Neukölln, 11. April 1987

DVD-Video, Farbe, 17 Min., PAL (4:3-Format)
Ed. paranorm, 2005, hors commerce

Enno P. Gramberg

Punzen und Penunzen
»Ihr zogt die Kraft aus meinem Schwanze doch; seht nur zu Boden ... seht! Da liegt sie noch.«
(Virtuoso, 1. Szene IV. Akt in SODOM vom Earl Of Ro­chester,Harenberg Kommunikation, 1983)

Ganz wie ein Willi kam Willi durch die mit bunten Plastikbändern verhängte Wohnzimmertür.
Schon seit Urzeiten sitze ich in einem bequemen Sessel und warte auf den Interviewbeginn. Ein Interview mit Willi ist angesagt, mit Willi, dem WAW.
»Als erstes«, sagte Willi und setzte sich knarrend an den Wohnzimmertisch auf die Wohnzimmercouch, »als erstes hast Du Dir wohl meine Interviewbedingungen durchgelesen, da unten, das Kleingedruckte?«
Er schob mir ein mit Scheiße beschmiertes Stück Kleenex über den Tisch.
Nee, hatte ich natürlich nicht. Legte auch jetzt keinen Wert darauf, sondern kam gleich zur Sache:
»Willi, wie hat alles angefangen? Würden sie mir das einmal erzählen?«
Verblüfft hielt der WAW inne. Aufreizend langsam drehte sich sein Oberkörper dem an der Längswand des Wohnzimmers in­stallierten Video-Automaten zu, während sein absolut stumpfsinniges Antlitz mir gewandt blieb.
Plötzlich fluppte sein Kopf nach.
»Dort, dadrinnen hat alles angefangen«, krächzte er und wies auf die Videokabine, die, anders als bei den beliebtesten Modellen, zum Wohnzimmer hin nur mit einem von oben herabhängenden, halben Vorhang begrenzt war, ähnlich einer Fotokabine.
»Daherinnen entsteht meine Arbeit alle Tage neu.«
»Ja Willi, aber wann sind Sie zum erstenmal der Idee verfallen: 'Wixeaufwischer in der Peepshow, jawohl, das ist mein Lebenswerk!'?«
»Mein lieber junger Spritzer«, sagte der alte WAW, »hier sind drei Fünfer, geh in die Kabine, setz dich, 8 Filme zur Wahl, und ich erzähle Dir, wie alles angefangen hat.«
Ich kam seiner Aufforderung nach, zog den Vorhang hinter mir zu, schraubte den Drehstuhl auf optimale Wixhöhe und schmiß den ersten Heiamann ein. Hinter mir ein Monitor, dessen Bild ich in einem Spiegel vor mir sah: als Araber verkleidete Europäer trafen in einem offenbar als Harem hergerichteten Studio Vorbereitungen zu einer 'Orgie' miteinigen 'orientalisch' verschleierten Frauen.
Auf dem zweiten Kanal sprang mir ein seltener Damenarsch auf die Netzhaut, an dessen unterem Ende ein Stück Mannesfleisch sich zu schaffen machte.
Zum Glück war der Filmton abgeschaltet, so daß ich Willi sprechen hörte:
»Du kennst meine Eltern«, holte er aus, »denn sicher hast Du schonmal Fickbilder aus der GutenAItenZeit gesehen, als noch stilvoll schaugebumst wurde in sorgsamen Interieurs und ausgewählter Garderobe; die reinlichen Postkarten und illegal hergestellten und mühevoll vertriebenen Bildbände! Tja, und die ersten künstlerischen Fickfilme! Meine Eltern waren in den 20er Jahren die Stars in jener Szene, Großverdiener und ausdauernde Kopulanten, denn das war und ist ja das Wichtigste bei solch anspruchsvoller Arbeit: das Aufbäumen und das Abspritzen bis zu einem präimplosionalen Zustand zu unterdrücken, denn erst dann können Ejakulationsrekorde zustande kommen, wie sie mein Vater jahrelang aufgestellt hat. Einmal spritzte er 3 Meter 85 weit, ein Rekord, der bis heute nicht gebrochen werden konnte; allerdings ist seine damalige Höchstleistung niemals anerkannt worden, weil sie nicht ebenerdig vollbracht wurde, sondern von einem schönen alten Bauernwohnzimmerschrank herab. Angeblich begünstigt solche Höhenlage die Flugbahn eines jeden Ejakulats. Wie dem auch sei, zur Silberhochzeit meiner Eltern kam ich zur Welt, 1946, der Krieg war vorbei, und ich konnte unter allerlei glücklichen, pornografischen Umständen aufwachsen.«
Nachdem ich auf dem 3. Kanal eine Weile einem akrobatischen Paar beim Trüffelsuchen zugeschaut hatte, tippte ich den 4. ein: mehrere Gestalten, über und über mit Schlamm bedeckt, wälzten sich auf dem Parkettfußboden einer Art Kunstgalerie oder eines Museums, überall hingen großformatige Bilder herum, verziert mit wilden groben Ölfarbstrichen, die, bei längerem traumfreien Betrachten zu einer heftigen Figürlichkeit gerannen, wie ich sie schon oft bei erotischen Bildkünstlern eines früheren Expressionismus gesehen hatte. Die Modderakteure versuchten offenkundig, soetwas wie eine Laokoongruppe zu choreografieren, wobei die ausgesuchten Tentakelschwänze der männlichen Schlammbeutel gewiß an Schlangen, Echsen und Saurier erinnerten, während die weiblichen Schau­spielerinnen hauptsächlich durch ihre lattenmäßigen Brüste ins Auge stachen. All diese bebenden Körperausläufer verwickelten sich nun zu einem schier unentdröselbaren Gliederknäuel, das, bei Kameraperspektive von oben, nur noch wie ein wabernder Matschhaufen auf gepflegtem Eichenholz aussah. Ein unerhört erregender Augenblick .... doch meine Aufmerksamkeit wurde weiterhin von Willis authentischen Erzählungen vereinnahmt:
»Mit ßechs Jahren habe ich zum erstenmal versucht, meinen Schniepel in die Tochter von Arbeitskollegen meiner Eltern zu friemeln. Mein Vater überraschte uns dabei, und er holte sofort seine Schmalfilmkamera und lichtete uns ab. Leider ist der Streifen durch unglückliche Umstände in der früheren SBZ verschwunden. Die Scheißkommunisten .... naja. Das älteste Filmmaterial mit mir als Hauptdarsteller
stammt von 1956, ich war gerade zum Gymnasium gewechselt, mit aller Macht hatte die Pubertät begonnen, und ich war in der Lage, innerhalb von zweieinhalb Sekunden große Mengen Samens abzustreifen, als eben diesen Privatfilm meines Vaters, Mitspielende war übrigens Mutter Teresia, die seinerzeit zu einem Besuch in Deutschland weilte und meinen Vater aus ehemaligen Kolonialzeiten kannte, ein fetter aber stets geiler Quantitätsproduzent aus dem Hollywoodunderground sah und daraufhin spontan mit mir einen Vertrag machte, der sich zunächst auf 69 Halbstundenfilme und zwei Extremfilme beschränkte. Mit elf Jahren fickte ich also vor amerikanischen Kameras in Miami­Beach. Es war eine schöne Zeit, mit vielen bunten Footballsammelbildern und Rauchenden Colts im Fernsehen.«
Irritiert erlöste sich meine Konzentration auf den 5. Kanal, der eine flüchtende Rebhuhnschar zeigte, hinter der eine Horde nackter Soziologen mit erigierten Taschenlampen jagte, in die Vernunftsfrage, weshalb um alles in der vervögelten Welt der Wixeaufwischer Willi so uralt ausschaute, mindestens wie jenseits der Seniorengrenze. Der Mann konnte doch eigentlich erst, wenn seine Angaben stimmten, knapp 40 sein. Und wirkte dennoch so verbraucht, so zerschlissen, wie es höchstens ein paraobszönes Laster metamorphisieren kann! Hinter dem Kabinenvorhang hörte ich ein gurgelndes und schmatzendes Geräusch. Dann sprach Willi weiter:
»An meinem 16. Geburtstag geschah etwas Merkwürdiges. Schon längst hatte ich aufgegeben, meine seit dem dreizehnten Lebensjahr begonnene 'Mösenmorphologie' zu vervollständigen, eine Sisyphosarbeit! Denn es ist ja nunmal leider so, daß jede Muschi anders ist. In jenem Jahre also, 1962, erlitt ich einen plötzlichen Wachstumsschub, das heißt, mein ohnehin väterlich vorgeprägtes schweres und durch steten Gebrauch stählern gewordenes Glied vergrößerte sich beinah um das Doppelte. Es reichte mir nun in schlappem Zustand bis an die untere Grenze der Oberschenkel, ja, fast hätte ich mich ins Knie ficken können! Gleich nach der Geburtstagsfeier ging es zu Dreharbeiten ins kalifornische Hochland. Sie endeten mit einer Katastrophe: zwar hatte ich jetzt einen schönen Künstlernamen, 'Long Dong Silver', aber meine Partnerinnen weigerten sich, ihre Rollen mit mir zu spielen. Sie fürchteten um ihr Innerstes. Selbst wenn ich sie mit beiden an die Schwanzwurzel geklammerten Händen penetrieren wollte, de facto also mit verkürztem Penis, meinten sie, an den Stellen, wo das Drehbuch einen Erguß vorschreibe, könnte ich vor galaktischer Wollust versehentlich die Hände fortnehmen, so daß sie Bauchkneifen bekommen würden. Meine Karriere schien zuende zu sein, doch ich hatte ja noch mein elterliches Management: fortan, die Pornoindustrie begann in den 60ern ja zu prosperieren, spielte ich nur noch in den Perversesten aller viehischen Sexfilme mit, die sich augenscheinlich wachsender Beliebtheit erfreuten, denn Dänemark machte mit diesen Produkten Furore auf dem Alten Kontinent und uns damit natürlich unliebsame Konkurrenz. So zog ich mit meiner Produktionsfirma, der META­MOVIE (META = Meister Entern Täglichs Arschl), runter nach Mexiko, wo ich alsbald, mit 18, also volljährig, meine wunderbarste Rolle spielen durfte:
Vor der Kamera wurde irgendein hübsches Indioweib, das am Vorabend von einem mescalbetrunkenen Toningenieur in irgendeiner Cantina von Quetzalcoatl aufgegabelt worden war, unter mannigfaltigen Penetrationsübungen, beispielsweise in die Augenhöhlen und in die Eustachische Röhre, abgeschlachtet, ja, ich durfte sie eigenhändig öffnen, um schließlich mit meiner Hyperviper ihr ins Herz zu fahren.
Was soll ich sagen, es war ein Hochgenuß, wie da meine wirklich nicht schmalen Eier auf ihrer rotbraunen Leber schwappten, in­des mein kostbarer Pimmel, den ich nicht mehr zu umklammern brauchte, endlich konnte ich ihn FREI lassen!, ihre Herzkranzgefäße zerstießen, daß das Blut mir nurso ins aufgerissene Maul schoss, um triumphall in ihrem rechten Lungenflügel mit einem lauten Quietschen zu explodieren. Ja, er explodierte wirklich, die Vorhaut und der Nillenkopp, ääh, ich meine die Glans, flogen mir um die Ohren, und ein Stück meines re­spektablen Schaftes wirbelte durch die Luft und blieb genau in meinem Arschloch stecken.«Auf dem 6. Kanal stand in einer Kellerecke vornübergebeugt ein nackter Mann.
Eine spärlich mit Leder drapierte Frau posierte in der Kellermitte, hielt in der Rechten eine polierte, glänzende Lanze, die mit einer Kette an der Kellerdecke befestigt war, aber so, daß sie schwingen konnte. Mit der linken stimulierte die Aktrice ihr klitoriales Territorium, sie nahm Maß: abwechselnd, in rhythmischen Schnitten, zeigte die Kamera den Arsch des Mannes, die wippende Lanze, das erwartungsvolle Gesicht des Aspiranten, einen bearbeiteten Kitzler, und schließlich die losgelassene Lanze, ein Mordsspieß, wie er mit Wucht und Effet dem hartgesottenen Prüfling ins Arschloch drang, sein Gesicht widerspiegelte Schmerz & Lust, ich wußte nicht, ob ich kotzen oder in einem souveränen Anfall von Ignoranz auf mein Interview verzichten sollte.
Willis Stimme klang gepreßt als er sagte:
»15 Jahre konnte ich bequem in der Lüneburger Heide leben, wohin ich mich zurückgezogen hatte, von dem, was ich zuvor verdient habe, nachdem es sich herausgestellt hatte, daß durch die Explosion meines Schwanzes damals in Mexico, derselbe zwar auf normale Länge reduziert worden war, daß aber meine zerfranste Schwanzspitze niemehr so verheilen würde, daß sie nicht bei jeder auch noch so kleinen Erektion blutend platzte.
So wurde schließlich eigens für mich ein externer Spermexhaustor entwickelt, der mich sehrsehr viel Geld kostete.«
Willis ausdrucktechnisch völlig mißratene Redeweise entging mir, als auf dem 7. Kanal ein Athlet seinen stolzen Lümkes in einen Schraubstock spannte, der zwar die Vorhaut festhielt, den eigentlichen Schwanz aber nicht unbeweglich machte. Mehrere Katzen versuchten, den hin und wieder über dem blanken Eisen auftauchenden Pimmel zu belecken, was ihnen auch gelang, so daß sie bald von einer Fontäne milden Segens besprenkelt wurden.
»Tja«, knarrte der WAW, »'79 war die Kohle verjubelt, kaufmännisches Geschick hab ich nie besessen, also mußte ich einen Job haben. Durch Vermittlung von alten Freunden aus der Branche konnte ich als Wixeaufwischer hier in Berlin im Big Erosland anfangen. Hier kann ich wenigstens mal einen meiner besonders wertvollen Filme anschauen, und es beruhigt mich, wenn ich die Kunden mit einem zufriedenen Lächeln aus den Kabinen kommen sehe. Das ist allerdings nicht immer der Fall, manchmal schleichen sie mit einem total verzogenen Kopf heraus, grad als hätten sie unter einer Giraffe gelegen.«
Wieder hörte ich das gurgelnde und schmatzende Geräusch vor dem Vorhang. Ich hatte auf den 8. Kanal umgeschaltet: Am Rande einer grasbewachsenen Klippe vor dem Mittelmeerblau einer griechischen Steilküste liebkoste sich ein nordeuropäisches Pärchen. Die Kamera liebkoste Es.
Plötzlich ertönte jenseits des Vorhangs ein Poltern. Ich lugte hinaus.
Willi saß mit herabgelassenen Hosen auf der Wohnzimmercouch, an seinen von einem Plastikkasten eingerahmten Hoden hing ganz offensichtlich der Spermexhaustor, denn Willis Geschlechtsfransen baumelten phlegmatisch neben dem kurzen Absaugeschlauch, der in einem Sammelbeutel münden sollte, doch dieser durchsichtige Beutel war vom Schlauch abgerutscht, auf den Fußboden gefallen, wurde betropft von dem, was aus dem Exhaustorrohr zähe rann, eine grünschwarze Flüssigkeit, die merkwürdig süßlichen 'Geruch verströmte. Willis 100jähriger Kopf war vornüber auf den Wohnzimmertisch gefallen, seine Arme hingen schlaff herab.
Seine 15,- Mark für den Videoautomaten hatte ich verbraucht, ich verließ meinen Schemel und wollte Willi zuhilfe kommen. Doch der winkte nur mürrisch brummelnd ab.
Ich nahm Platz und rauchte erstmal eine.
Schon seit Urzeiten sitze ich in einem unbequemen Sessel und warte auf den Interviewbeginn mit Willi, mit Willi dem WAW, mit dem Urwilli, dem Urmann, der beweisen kann, daß die eindeutige Fantasie der Urmänner in 2000 Jahren genau so sein wird, wie sie vor 3000 Jahren war, der angeblich beweisen kann, daß Sexualität keine Variable ist und stets als das Selbe erscheint.
Die bunten Plastikbänder im Rahmen der Wohnzimmertür wiegen sich sanft in Willis Magenwinden.
aus KULTuhr, nr.11 I/1985

Videostills: Ralf Roszius








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